Kallmann-Preis 2020
Lena von Goedeke

Preisverleihung: Samstag, 12. Dezember 2020, 19 Uhr
13. Dezember 2020 – 21. Februar 2021

Lena von Goedeke: Equipment First, 2019
Installationsansicht
Ungebrannter Ton, Wasser, Tusche, Digitaldruck auf Vorhang
Variable Maße; Copyright Lena von Goedeke

Der Kallmann-Preis wird in diesem Jahr zum dritten Mal vergeben. Ausgezeichnet wird die Berliner Bildhauerin, Installationskünstlerin und Fotografin Lena von Goedeke (geb. 1983) für ihre Auseinandersetzung mit dem Thema „Landschaft“. Ihre Arbeiten sind im Rahmen einer Einzelausstellung vom 12. Dezember 2020 bis 21. Februar 2021 zeitgleich mit einer Präsentation von Werken Hans Jürgen Kallmanns zu sehen. Rund 400 Künstler*innen aus ganz Deutschland haben sich für den Kallmann-Preis 2020 beworben, der mit 8.500 Euro dotiert ist.

Mit Lena von Goedeke wird eine Künstlerin ausgezeichnet, deren Werk die Wahrnehmung von Natur durch den Menschen befragt. Ihre aktuelle Auseinandersetzung mit der Landschaft ist dabei geprägt von zwei Rechercheexpeditionen in die Arktis. Zunächst nahm sie im Herbst 2018 an der Arctic Circle Residency auf Spitzbergen teil, in deren Rahmen sie drei Wochen gemeinsam mit Wissenschaftler*innen und anderen Künstler*innen auf dem historischen Segelschiff „Antigua“ durch die arktischen Gewässer kreuzte. 2019 dann verbrachte sie den Winter in vollkommener Dunkelheit in Longyearbyen, der nördlichsten Stadt der Welt. Die extremen und intensiven Erfahrungen, die sie in dieser lebensfeindlichen Umgebung machte und die eine existentielle Dimension berühren, fanden Eingang in ihre künstlerische Arbeit. Aber auch schon vor ihren Expeditionen in die Arktis waren die Wahrnehmung von geologischen Strukturen mittels Remote-Sensing-Techniken sowie verschiedene Vermessungs- und Trackingtechniken Schwerpunkte der Arbeit Lena von Goedekes.

Heute prägen neben unserer unmittelbaren, physisch-sinnlichen Erfahrung zunehmend digital erzeugte Bilder unsere Vorstellung von Natur, die auch wieder Einfluss auf unser tatsächliches Erleben vor Ort haben können. Bei -40 Grad auf den Eismassen eines Gletschers in Spitzbergen zu stehen vermittelt andere Aspekte der Natur als Modelle der Gegend, die durch Sattelitenaufnahmen, Radar und Lidar erstellt wurden, oder als Datenreihen, die etwa das Abschmelzen des Gletschers dokumentieren. Lena von Goedeke untersucht diese verschiedenen Zugänge zur Natur und deren Bedeutung für unser Verständnis von Welt. Dabei weist ihr Werk eine große Vielfalt künstlerischer Ausdrucksformen und Materialien auf, die bei aller Unterschiedlichkeit doch immer mit derselben Konsequenz und Sorgfalt ausgewählt und bearbeitet werden.

So untersuchen die großformatigen, mit höchster Präzision handgefertigten Papierschnitte die digitalen Möglichkeiten der Vermessung und Darstellung von Landschaft, bei der komplexe geologische Strukturen auf polygonale Formen reduziert werden. Demgegenüber stehen raumgreifende Installationen, in denen Lena von Goedeke etwa vor einem weiten arktischen Landschaftsprospekt Gummistiefel platziert, die aus Ton geformt sind und aus denen im Laufe der Ausstellung schwarze Tusche auf den Boden läuft – ein eindrückliches Bild dafür, wie der Permafrostboden buchstäblich unter unseren Füßen dahinschmilzt, aber auch dafür, wie fragil überhaupt unser Dasein ist, das nur in einer kleinen Zone der Erde möglich ist und für das wir, insbesondere in lebensfeindlichen Gebieten, auf Hilfsmittel wie Kleidung existentiell angewiesen sind. Mit den mattschwarzen Wandobjekten der Serie „Solid Black“ wiederum bezieht sich von Goedeke auf die lange, undurchdringliche Dunkelheit des polaren Winters, die sie eindrücklich erlebt hat.

Für ihre konzeptuell äußerst konsequenten und zugleich hoch sinnlichen Werke, die wesentliche Aspekte von Naturerfahrung ins Museum bringen und grundlegende Fragen nach dem Verhältnis von Mensch und Natur aufwerfen, erhält Lena von Goedeke den Kallmann-Preis 2020.

Lena von Goedeke

Lena von Goedeke wurde 1983 in Duisburg geboren. Sie studierte an den Kunstakademien in Münster, Trondheim und Düsseldorf und war Meisterschülerin von Michael van Ofen. Sie erhielt mehrere Preise und Stipendien, unter anderem 2018 den DEW21 Kunstpreis Dortmund. Lena von Goedekes Werke wurden in zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland gezeigt, etwa im Museum Kunstpalast Düsseldorf, im Dortmunder U, im Bochumer Kunstverein, in der Kunsthalle Münster und zuletzt im Marta Herford.

Jury 2020

Die Jury zur Preisvergabe setzte sich zusammen aus:
Cana Bilir-Meier, Künstlerin München
Rasmus Kleine, Leiter Kallmann-Museum
Karsten Löckemann, Hauptkurator Sammlung Goetz, München
Yvonne Roeb, Kallmann-Preisträgerin 2018, Berlin
Michael Sedlmair, Vorsitzender der Prof. Hans Jürgen Kallmann-Stiftung
Roland Wenninger, Kurator Villa Stuck, München